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08.01.2012


Der Parzivalroman Wolframs von Eschenbach

- ein Schicksalsrätsel -

Versuch eines alternativen Zugangs zum Parzivalroman


Scheint in der heutigen Wolfram-Forschung der Parzival auch wirr, dunkel und kaum schlüssig interpretierbar zu sein, so sollte ein alternativer Zugang zu diesem Text – mit Deutung des Prologs und seines Gesamtkonzeptes – erlaubt und wünschens­wert sein.

Nach meinen neuen Untersuchungen ist der Roman als Ganzes ein Schick­salsrätsel, gespickt mit herber Kritik an zeitgenössischen Dichterkollegen, sowie spitzen und spöttischen Beschreibungen ihrer vermeintlichen Helden. Der Roman ist als weltliches und theologisches Gesamtkonzept zu verstehen, sofern man bereit ist, sich auf die Lebenserfahrungen der damaligen Zuhörerschaft Wolframs zu beziehen und Dinge mit all ihren Deutungsfacetten Dinge sein zu lassen. So ist es möglich, ohne sich zu verrenken, den Roman als Auseinandersetzung des Christen­tums mit dem Islam zu erkennen.

Reale Dinge des praktischen Lebensvollzugs hatten im Handeln und Denken mittelalterlicher Menschen immer auch eine symbolische Bedeutung; unab­hängig davon, ob es sich um Werkzeuge oder Waffen, Gebrauchs- oder Kult­gegenstände handelte. Im Arsenal „bedeutender Dinge“ gab es immer auch nebensächlich erscheinende Dinge, wie etwa „Spielsachen“. Ihre zeichenhafte Bedeutung war nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen. Dazu gehören bestimmte Würfel, die man beim Glücksspiel benutzte. Sie spielen auf dem Hintergrund des Literaturstreites bei der Deutung des „Parzival“ - auch heute noch - eine Rolle.

Beim diesem Glücksspiel benutzte man archaische Würfelformen, die als kleinste Knöchelchen aus dem Fußgelenk eines Wildschweins stammen. Sie wurden „Bickel“ genannt. Beim Glücksspiel mit diesen Würfeln ging es immer um „Alles oder Nichts“; nicht zuletzt deshalb, weil das Spielprinzip mit Bickeln nach demselben Schema funktionierte. Das hat wiederum mit der organischen Form der Bickel zu tun: Ein Bickelwürfel hat nur vier Seiten: Bei den „Seiten“ des sog. Würfels handelt es sich nämlich um mehr oder weniger stark gewölbte oder gehöhlte plastische Formen, die beim Spiel mit vier Würfeln verschiedene Wurfbilder und dadurch „mehr oder weniger“ starke positive oder negative Wirkungen erzeugen. Heute noch bekannte Wurfpositionen sind der Hunds- und der Venuswurf. Im Literaturstreit zwischen Gottfried von Straßburg und Wolf­ram von Eschenbach sind es genau diese Würfel, die im Bild der „Bickelworte“ auf die angebliche Widersinnigkeit von Worten anspielen.

In meiner ersten Studie hatte ich dargestellt, auf welche Weise ich die archa­ischen Würfel wiedergefunden habe und mit Hilfe welcher empirischer Ver­suchsreihen das binäre Bewertungssystem dieses Glücksspiels deduziert werden konnte. Gottfried kritisiert im Bild der Bickelworte die Tatsache, dass Wolfram Worte mit sich wandelnder Bedeutung (Äquivokationen) als literarische Mittel und Motive verwendete. Man könne - überspitzt gesagt - in seinen Texten Sinn und Unsinn von Worten nicht mehr unterscheiden.

Die Fehdeforschung hatte sich lange erfolglos mit dem Literaturstreit befasst, um auf diesem Wege etwas über die Eigenart wolframscher Dichtung zu er­fahren. Seltsamerweise hatte man sich nie um die realen „bickel“ bemüht, die der zentralen Metapher des Literaturstreites ihren Namen gegeben hatten. Mir schien es notwendig, erst einmal dieses „corpus delicti“ selbst wieder zu finden, um die damit verbundene Kritik Gottfries überhaupt verstehen zu können.

Wie ich in meiner älteren Studie belegt habe, gibt es im Parzivalprolog eine große Zahl von Wörtern mit zweierlei Bedeutungen. Wolfram benutzte den sich wandelnden Sinn von zentralen Wörtern um den Prolog als Schicksalsrätsel zu verschlüsseln. Wer die richtige Bedeutung der Rätselworte findet, hat sich damit als „ebenbürtig“ erwiesen und erhält Zutritt zum Geheimnis des rätselhaften Textes.

Auf dem Hintergrund meiner empirischen Voruntersuchungen hatte ich also den „Eingang“ des Prologs nicht mehr abstrakt (begrifflich als Verzweiflung in vielerlei Variationen), sondern bildhaft so übersetzt: „Zweierlei Felle, die das Herz wie ein Käfig umschließen, sind für die Seele eine schmerzliche Er­fah­rung“. Der „zwivel“ im Eingangsvers bezieht sich m.E. bildhaft auf das konkrete Verhältnis von Harnisch und Haut als „Ehrenkleid und Zwangsjacke“ (s. Hüning 2000, S. 154). Auf dem Höhepunkt des Kampfes zwischen Feirefiz und Parzival spricht der Erzähler selbst von „zweierlei Fellen“: „mîn swert lieze ich clingen beidiu durch îser unt durch vel.“ Vor Bearosche gerät Gâwan in ein feindliches Lager mit viel Kriegsvolk. Da beschleicht ihn die Angst, die hier „zwivel“ genannt wird: „und manger slahte vremden bovel. der zwîvel was sîns herzen hovel, dâduch in starkiu angest sneit.“ (350,29-351 1) „Angesichts des feind­lichen Kriegsvolks (bovel) wird der zwîvel (die Angst) zu einem Hobel (hovel) seines Herzens. Dessen Späne fallen auf ihn nieder wie die Schneeflocken der Angst“.

Solche Textbeispiele bestätigen, dass der „zwîvel“ des Eingangsverses durchaus bildhaft als „zweierlei velle“ verstanden werden darf: Als das im weitesten Sinne des Wortes problematische Verhältnis von Harnisch und Haut im Leben eines Ritters. Eine solche bildhafte Deutung entspricht vermutlich eher den Vor­stellungen des Autors als jede noch so rationale, abstrakte Interpretation des Textes. Die erweiterte Interpretation dieses Ansatzes wird mit der neuen Ver­öffentlichung vorgelegt.
Zu den bedeutenden Realien des Alltags gehören z. B. auch die Begegnungen von Mensch und Tier, ob im täglichen Umgang mit Haustieren oder bei der Jagd. Wer z.B. vom Paarungsverhalten bei Pferden nicht die geringste Ahnung hat, wird die Erec-Satire im Parzivalprolog weder entdecken noch verstehen. Er begibt sich bei dieser Textstelle (2,15- 2,22) statt dessen - wie man lesen kann - mit den zwei Kühen Bicornis und Brunetta aus dem Stall des Nigellius aufs Glatteis.

Realitätsverlust und eine zweifelhafte Begriffsbildung sind weiterhin auch der Grund dafür, dass in der Forschung die Pointe des Hasenvergleichs bisher nicht erkannt wurde. Im Anschluß an das „vliegende bîspel“ werden mit dem Hasen­vergleich Lösungsbedingungen genannt, unter denen das vorhergehende Schick­salsrätsel (das „vliegende bîspel“) zu lösen ist. Wer bedauerlicherweise einem weit verbreiteten allegorischen Denkmuster über das Verhalten eines Hasen aufgesessen ist, wonach jeder Hase ein „Angsthase“ ist, hat keine Chance den Text zu verstehen. Dieses tradierte Denkschema hat mit der Realität nichts zu tun, insofern wir es im Hasenvergleich mit einem „alten Hasen“ zu tun haben. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Wie radikal sich das auf die Deutung des Hasenvergleichs auswirkt ist u.a. Gegenstand meiner weiterführenden Studien.

So, wie viele „Ding- oder Tuwörter“ einen Namen mit zweierlei Bedeutungen haben, so verhält es sich auch mit den Namen der drei Romanhelden. Parzival-Gawan-Feirefiz. Sie sind nicht nur Eigennamen der Helden, sondern beschrei­ben auch das Programm und die Funktion der zum Namen gehörenden Figur im Romankonzept. Mit welchen Mitteln Wolfram das realisiert, wird ebenfalls dort erörtert.

Nicht zuletzt interessiert die Frage nach dem Gral selbst. Ist er nur eine „Speise­maschine“, wie Bumke dieses „Ding“ mit leiser Ironie beschreibt, oder ist der Gral in Wirklichkeit ein ganz anderes „ding“: eine „Gerichtssache“ bzw. Gerichtsverhandlung, in der über ein menschliches Schicksal im geschichtlichen und heilsgeschichtlichen Sinne entschieden wird. In meiner Studie wird eine alternative Interpretation der zweiten Gralsszene vorgelegt. Sie hält sich an die szenischen Vorgaben, die logischerweise mit dem übereinstimmen müssen, was gesagt wird.

Die Studie wurde nun veröffentlicht und ab sofort besteht die Möglichkeit, diese beim Grin-Verlag unter folgendem Link online zu erwerben:

Der Parzivalroman Wolframs von Eschenbach - Ein Schicksalsrätsel - Versuch einer alternativen Deutung